• Silvia Gillardon

Bilderflut

Aktualisiert: Mai 14


Immer, wenn ich mich in dem Dickicht meiner Fotosammlung verliere, muss ich an Rolf denken. Dann schubse ich meine Maus beiseite, fahre das Fotoarchiv hinunter, schliesse die Augen und warte darauf, dass das richtige Bild aufsteigt. Von Innen.


Rolf? Rolf ist ein berühmter Fotograf. Zufällig, nach vielen Jahren, hatten sich unsere Wege wieder einmal gekreuzt.

Es war im Engadin, genauer gesagt in La Punt Chamues-ch. Hingerissen stand ich vor dem Haus meiner Vorfahren. Ich war gerade dabei, meine Kamera auszurichten auf eines der herrlichen Graffiti, als sich eine Hand vor das Objektiv schob.

Empört drehte ich mich um. Rolf? "Was treibst denn du hier?"

Er grinste hämisch. "Nicht den gleichen Unsinn wie du, auf jeden Fall. Hör doch auf mit dieser dämlichen Fotografiererei!"

"Und das sagst ausgerechnet du?"

"Genau. Ich boykottiere diese idiotische Knipserei schon lange, wenigstens in meiner freien Zeit. Seitdem jeder Handybesitzer blindwütig drauflosknipsen kann, sind hochaufgelöste Sonnenuntergänge inflationär. Millionen von Bildern sammeln sich an. Und behaupte jetzt nicht, dass dein Archiv nicht überquillt von Tempelruinen, Riegelhäusern, Rapsfeldern, Mohnblumen und Lieblingskatzen! Keine Sau interessiert sich doch je wieder für deine Schnappschüsse. Knorrige Olivenbäume, Spinnweben, niedlichen Kaninchen, hach!"

"Ich schiesse nicht auf Kaninchen", protestierte ich.

Doch Rolf winkte harsch ab: "Dann eben auf Esel. Mich siehst du auf jeden Fall nie mehr mit einer Kamera durch die Gegend marschieren."

Ratlos liess ich ich meinen Fotoapparat sinken. "Das klingt verbittert."

Er schüttelte den Kopf. "Nein, nicht verbittert. Nur konsequent. Ich bin nicht mehr der Jüngste. Darum darf ich keine Zeit mehr verplempern in meinem Leben mit Sortieren, Kopieren Archivieren oder sonstigem Ieren. Wenn mich ein Motiv fasziniert, dass sauge ich es eben direkt auf. Trinke es mit den Augen. Wenn dann ab und zu ein Bild in der Erinnerung bleibt und sich in den Träumen wieder einblendet, ist das wunderbar. Dann war es wichtig. Das reicht."

Ich spürte, wie er seinen Blick auf mich fokussierte. Ein beklemmendes Gefühl machte sich breit. Er würde mich doch wohl nicht etwa trinken? Oder gar aussaugen?


Aber da hatte Rolf sich schon abgewandt. "Ich muss weiter, sorry. Aber lass dir durch einen alten Griesgram nicht die Freude am Fotografieren verderben. Du wirst von selber draufkommen."

Er ging ein paar Schritte, dann drehte er sich nochmals um und starrte mich nochmals lange und unverschämt direkt an. Schliesslich nickte er zufrieden. Toll siehst du aus. Was für ein Bild! Die Fotografin vor hellgrauer Fassade, konzentriert auf ein Graffiti. Dazu dieses trübe Licht. Perfekt! Schade, dass ich meine Kamera nicht dabei habe!"

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