• Silvia Gillardon

Die Cloud




Der Gott meiner Freundin heisst Cyberspace. Dem vertraut sie alle ihre Träume an, ja sogar ihre Steuererklärung.

Über meinen Ansprechpartner kann sie nur den Kopf schütteln. «Wer vertraut seine Geheimnisse denn heute noch Notizbüchern an? Papiere können verbrennen, gestohlen und missbraucht werden. Von dem Platz, den Deine Ordnerreihen beanspruchen und von den Transportproblemen gar nicht zu reden.» Abschätzend betrachtet sie den Zeigefinger, mit dem sie über das zweitoberste Tablar meines Büchergestells gefahren ist. Staubfänger nennt sie meinen Billy. «So ein Monstrum habe ich schon vor Jahren abgeschafft. Du bist doch sonst nicht so konservativ!»

Peinlich berührt beisse ich mir auf die Lippen. Wenn du wüsstest…! «Ähh, nein nein, wo denkst du hin?» (In die richtige Richtung natürlich, aber das braucht sie schliesslich nicht zu wissen). «ich habe schon vor vier Monaten alles digitalisiert», lüge ich faust- beziehungsweise eben terabytedick. «Ich muss die Ordner nur noch entsorgen.»

«Und hoffentlich hast du die Daten auch korrekt gesichert?» Ihre Skepsis ist nicht zu überhören.

«Wofür hältst du mich? Selbstverständlich!»


«Und in welche Cloud?»


«Cloud? Ich trau meine Notizen doch keiner Wolke an. Aber ich habe mir eine externe Festplatte gekauft. Mit vier Terabytes.»

«Wow!» Ich vernehme ein beeindrucktes Pfeifen hören. «4 TB? So viel beanspruchen mein Charles und ich nicht mal gemeinsam. Was hast du denn da alles draufgepackt?»

Soll ich jetzt gestehen, dass ich in mühsamster Arbeit erst etwa die Hälfte all meiner Dokumente eingelesen und exklusiv auf der wunderbaren Festplatte gesichert habe. Soll ich zugeben, dass ich diese kostbaren Daten, die ich dem Wunderkästchen anvertraut hatte, seit einer Woche nicht mehr abrufen kann, weil schlicht und ergreifend der Kabelanschluss defekt ist? Dann wird sie mich zu Recht und definitiv für bescheuert halten. Keine Sicherungskopie? Alles hoffnungslos verloren? Wo lebst du denn? höre ich sie schon schimpfen.

«Ach, nur ein paar Fotos, ein paar Briefe», stammle ich. Wenn man einmal damit anfängt, dann kommt man fast nicht mehr heraus aus dieser dämlichen Lügerei. Meine ganze Korrespondenz, die Hälfte meiner Adressen … alles futsch, das möchte ich am liebsten schreien.

«Du weisst aber schon, dass externe Festplatten tückisch sind? Die Kabelverbindungen zum Computer können brechen, sich abnützen. Dann sind all deine Daten im Eimer.»

Dumme Kuh, da hättest du mich auch vorher warnen können! «Meinen Daten sind todsicher!» lüge ich. «Die Platte war sehr teuer … eine Supermarke. Da zerbricht nichts!» Von wegen!

«Trotzdem: Ich würde an deiner Stelle halt doch noch eine Sicherheitskopie bei einem Onlinespeicherdienst hochladen. Aber achte darauf, dass du keinen amerikanischen Anbieter erwischt.»

Können wir nicht endlich dieses verfluchte Thema verlassen? «Warum?» frage ich stattdessen.

«Weil man den Amis nicht trauen kann. Noch nie was gehört von Datenspionage? Plötzlich bricht ein Krieg aus oder die Chinesen knacken deren Speicher.»

«Die haben sicher andere Sorgen, als in meinen Ferienbildern herumzuschnüffeln.»

«Sag das nicht so leichtfertig. Warst Du nicht mal in Libyen? Hast du dort nicht Gaddafi getroffen?»

«Quatsch! Das war vor fünfzehn Jahren. Und ich habe Gaddafi nicht getroffen, sondern nur ein Plakat mit seinem Portrait fotografiert. Können wir jetzt bitte das Thema wechseln? Computer interessieren mich ehrlich gesagt nicht so gewaltig.»

«Leider», sagt sie leicht beleidigt und wendet sich wieder meinem Billy zu, fischt sich ein Buch aus dem Gestell. «Sieh einer an, der neue Küng. Hast du den etwa schon fertig gelesen?»

«Fremde Freunde?» Ich nicke. «Ich kann dir das Buch gerne ausleihen. Aber es ist leider eine Printausgabe. Du magst doch kein Papier. Willst Du dir nicht lieber das eBook herunterladen?»

Sie verdreht die Augen, verschwindet murrend mit dem Buch auf der Terrasse und macht es sich in einem Sessel gemütlich.

Und ich öffne meinen Computer und suche nach einem vertrauenswürdigen Onlinespeicherdienst. Lauter amerikanische Namen, stelle ich fest. Aber für meine nicht mehr vorhandenen Daten spielt das jetzt auch keine Rolle mehr.

«Hast Du einen Anbieter gefunden?» ruft meine Freundin von der Terrasse her.

«Klar! Es lädt schon. (Es gibt zwar nichts zu laden, aber wenn sie Freude daran hat…) Aber das wird Stunden dauern.» Auf eine Lüge mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Soll ich etwa nochmals all meine alten Notizen mühsam von Hand auf den Rechner übertragen? Eine Sisyphusarbeit. Ohne mich.

Resigniert klappe ich den Computer zu. Und meine Adressen? Wer mich sucht, der wird mich finden, irgendwie, rede ich mir beruhigend zu.

«Ein tolles Buch!» ruft sie. Die Glückliche! Sie darf in einem Buch blättern. Einem Buch aus richtigem Papier.

«Ich leiste dir Gesellschaft und bringe uns etwas zu trinken mit!» «Und deine Dateien?»

Nachdenklich streiche ich über die Rücken meiner guten, alten Notizbücher. Was für Dateien, möchte ich fragen. Stattdessen rufe ich: «Keine Sorge: Die fliegen durch den Cyberspace. Keine Ahnung, wohin.»

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