• Silvia Gillardon

Verkaufe dich. Aber richtig


Autoren, Dichter, Literaten -  sie sind heute arm dran. Neben ihrer „hohen“ Kunst müssen sie nämlich vor allem eines können: Die Gunst des Lesers erwerben und ihr Werk anpreisen. Vielmehr eigentlich sich selber, als Person.  Sie müssen ihre Leser dazu bringen, sie zu lieben.

Einen Bestseller schreiben, das tun heute Viele. Richtig erfolgreiche Autoren aber müssen für ihre Fans zum Anfassen sein.

Einen grossen Teil ihrer Zeit verbringen sie deshalb nicht mit Schreiben, sondern mit Self-Marketing. Und um das zu erlernen, besuchen sie Verkaufstrainings und Seminarien, bei denen Experten, die wüssten, wie man zu Erfolg käme, es aber aus unerklärlichen Gründen nicht selber tun, ihnen die Kunst der Selbstvermarktung eintrichtern.


Ich war dabei. Thema unseres Workshops war: „Wie bringe ich einen Buchhändler dazu, mich zu einer Lesung einzuladen?“ Lesungen seien nicht einfach ein Randgebiet des Marketings. Es sei wahnsinnig wichtig, dass ein Autor wenigstens einmal im Monat vor wenigstens zehn Personen aus seinem Werk vortrage. Richtig eingesehen habe ich den Nutzen von Dichterlesungen zwar nie, ehrlich gesagt. Denn eigentlich können Leute, die Bücher kaufen, ja meist selber lesen.  Aber ich wollte die Referentin nicht mit dummen Fragen nerven und hörte zu.

Also:  Das Rezept sei ganz einfach: Der Buchhändler müsse den Autor genauso lieben wie der Leser.  Man müsse ihn unbedingt dazu verführen. Aber wie?

Idiotische, fiktive Telefonspiele sollten uns auf die Sprünge helfen. Die Referentin spielte die böse Buchhändlerin, und ich musste sie dazu bringen, mich zu lieben. „Hallo, Frau Gisling, entschuldigen Sie…. Bla bla…. Sie bieten doch in ihrem wertvollen, kulturellen Programm Lesungen an…. Dieses Jahr bin ich zwar ausgebucht… aber nächstes Jahr hätte ich vielleicht Zeit für Sie. Wie wäre es, warten Sie, murmel, murmel,  im Februar … hier, der sechzehnte. Leider nur noch dieser Tag. Ich bin so was von ausgebucht. Aber für Sie…“

Meine Güte, wie peinlich, dieses Gesülze! „In welchem Genre ich schreibe? Krimis? Nein, nicht genau. Aber in meinem neuen Buch kommen ganz viele Tote vor. Historisch? Tja, nicht direkt. Aber ich könnte natürlich noch eine Ahnin einflechten. Irgendwie bringen wir den Napoleon schon noch unter. Sex? Hmm,  die Heldin hat zwei Kinder. Natürlich könnte man schildern, wie diese fabriziert worden sind. Nur: Eigentlich ist mein Roman ja bereits gedruckt. Aber ich kann natürlich schnell einen neuen für Sie schreiben.“


Miserabel habe ich danach geträumt, im sündhaft teuren Seminarhotel. Verfolgt worden bin ich, von Buchhändlern, Bibliothekaren, Agenten… Alle wollten eine Lesung aus dem Buch, das nicht existierte. So habe ich meine Zelte vorzeitig abgebrochen. Nein! Keine Toten, kein Napoleon in meinen Romanen! Und auch keine Zeit mehr für Marketingspielchen. Eigentlich hatte ich bei diesem Workshop ja nur darauf spekuliert, Stoff für meine nächste Kolumne zu bekommen. Und den habe ich nun ja.

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